Als fliegende Nachtjäger mit Echoortung liefern heutige Fledermäuse nicht nur die Vorlage für geheimnisumwobene Geschichten, sondern nehmen auch eine besondere Stellung unter den Säugetieren ein. Lange Zeit wurde die Entwicklung dieser außergewöhnlichen Spezialisierung in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Dabei standen die „Flight-first-Theorie“, die „Echolocation-first-Theorie“ und die Vermutung, dass sich diese Fähigkeiten simultan entwickelt haben, als konkurrierende Hypothesen zur Debatte.
Die neuen, im Fachmagazin „Nature“ vorgestellten Erkenntnisse eines internationalen Wissenschaftler-Teams zugunsten der „Flight-first-Theorie“ stützen sich auf die morphologische Analyse von 52,5 Millionen Jahre alten Funden aus der Green River Formation in Wyoming/USA. Vergleichende Untersuchungen an den 47 Millionen Jahre alten Fledermäusen aus der Grube Messel brachten weiteres Licht ins Dunkel der entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit.
Das in Wyoming geborgene Fossil gehört zu Onychonycteris finneyi. Da die 2003 erstmals beschriebene Art aufgrund ihrer anatomischen Merkmale zwischen den Vergleichsgruppen bisheriger Funde liegt, wurde für diese und eine ebenfalls in Wyoming geborgene fossile Fledermaus eine neue Familie mit der Gattung Onychonycteris im Stammbaum eingerichtet.
Onychonycteris finneyi ist ein wesentliches Mosaiksteinchen, dass die Evolution der Fledermäuse auf bemerkenswerte Weise belegt. Mit kurzen Flügeln und erstaunlich langen Hinterbeinen, zwischen deren Zehen eine Flugmembran war, zeigt der Fund Körperproportionen, die weder bei den heute vorkommenden vierfüßigen Säugetieren, noch bei modernen oder irgendeiner der bisher bekannten fossilen Fledermäuse zu finden sind. Das Flügelskelett wie auch die Form von Brustkorb und Schwanz lassen zweifelsfrei darauf schließen, dass die bisher älteste Fledermaus aktiv und über lange Strecken hinweg fliegen konnte. Dass Onychonyctris finneyi vor 52,5 Millionen Jahren Insekten im Jagdflug erbeutet hat, lässt sich aus der Bezahnung des Fundes schließen.
Hochauflösende Röntgenaufnahmen der Innenohrschnecken der Messel-Fledermäuse weisen auf eine bereits vor 47 Millionen Jahren ausgebildete Echoortung mit Ultraschalllauten hin. Die im Magenbereich nachgewiesenen fossilen Nahrungsreste zeigen zudem, dass die Vorfahren der heutigen Fledermäuse sich ausschließlich von Insekten ernährt haben.
Auch wenn das Gebiss von Onychonycteris finneyi Rückschlüsse auf einen Insektenfresser zulässt, schließen vergleichende Mikro-Röntgenaufnahmen eine Echoortung von Beuteinsekten durch Ultraschalllaute für Onychonycteris aus. Dies spricht eindeutig dafür, dass die Fledermäuse das Fliegen vor der Echoortung „erfunden“ haben.
Primitive Early Eocene bat from Wyoming and the evolution of flight and echolocation
Green River Fossil Collections
